Int. ADAC-144-Stunden-Fahrt 1930

  • Int. ADAC-144-Stunden-Fahrt 1930
  • Veranstalter: ADAC
  • Nord- und Südschleife

7. bis 12. April 1930

144 Stunden auf dem Nürburgring: Serienmotorräder im Dauertest

  • 43 Serienmotorräder starteten zur sechstägigen Prüfung; 32 erreichten das Ziel.
  • Gewertet wurden unter anderem Reisegeschwindigkeit, Bergsteigfähigkeit, Beleuchtung und der technische Zustand nach der Fahrt.
  • Zündapp, DKW, FN und D-Rad gehörten zu den Marken, deren Teams mit der großen goldenen ADAC-Medaille ausgezeichnet wurden.

Vom 7. bis 12. April 1930 wurde der Nürburgring zum Schauplatz einer ungewöhnlichen Zuverlässigkeitsprüfung. Der ADAC ließ serienmäßige Motorräder 144 Stunden lang fahren und verband die Dauerbelastung mit einem umfangreichen System aus Zeitvorgaben, technischen Kontrollen und Strafpunkten. 43 Maschinen gingen an den Start, 32 kamen ins Ziel. Damit erreichten rund drei Viertel des Feldes das Ende einer Prüfung, die ausdrücklich nicht als Rennen, sondern als Nachweis der Serienreife gedacht war.

Im Mittelpunkt standen Motorräder, die in ihrer Ausführung dem Serienstand entsprechen mussten. Die ausgewählten Maschinen wurden von den Herstellern zum Nürburgring gebracht und dort von einer Kommission abgenommen. Teile der Fahrzeuge wurden gekennzeichnet, um unerlaubte Wechsel zu verhindern. Gewertet wurden die eingehaltenen Reisegeschwindigkeiten, die Bergsteigfähigkeit, die Zuverlässigkeit der Beleuchtung und der technische Zustand der Maschinen nach dem Ende der Fahrt.

Vom Einfahren bis zur Steilstrecke

Für die ersten zehn Runden, zusammen 280 Kilometer, war ein Durchschnitt von 25 km/h vorgesehen. Damit sollten die fabrikneuen Maschinen zunächst vorschriftsmäßig eingefahren werden. Danach stiegen die verlangten Durchschnittsgeschwindigkeiten auf 30, 35, 40 und 50 km/h. Jede fünfte Runde wurde zusätzlich gewertet; ein Über- oder Unterschreiten des vorgegebenen Bereichs brachte Strafpunkte.

An den letzten vier Fahrtagen kam eine weitere Belastung hinzu. Motorräder mit mehr als 300 ccm Hubraum mussten mehrfach die 27-prozentige Steilstrecke befahren. Die Prüfung verband damit lange Fahrzeiten mit klar definierten technischen Anforderungen. Gerade diese Mischung aus Dauerbetrieb, Zeitvorgaben und Bergprüfung sollte zeigen, wie belastbar ein serienmäßiges Motorrad unter wechselnden Bedingungen tatsächlich war.

Die Bedingungen blieben dabei keineswegs völlig konstant. Der Bericht schildert überwiegend freundliches Frühlingswetter, aber auch Regen. Für die Fahrer bedeutete die Veranstaltung sechs Tage und sechs Nächte im ständigen Rhythmus von Fahren, Warten und Ablösen. Im Bericht wird mehrfach hervorgehoben, dass nicht nur die Maschinen, sondern auch die Fahrer durch die langen Einsatzzeiten stark gefordert wurden.

Ausfälle wurden Teil der Prüfung

Die 144 Stunden machten technische Schwachstellen sichtbar. Bereits am ersten Tag schied eine Imperia aus, nachdem ein Kipphebel gebrochen war. Am zweiten Tag fiel eine NSU aus; als Ursache wurde ein defektes Getriebelager genannt. Am dritten Tag geriet eine D-Rad nach einem Vergaserrückschlag in Brand. Das Feuer konnte gelöscht werden, die Maschine schied jedoch aus. Ebenfalls am dritten Tag blieb eine Horex mit einem klemmenden Ventil stehen. Der Fahrer baute das Ventil aus, reinigte es und setzte die Fahrt fort.

Auch in den folgenden Tagen gab es Defekte und Unfälle. Der Bericht nennt unter anderem einen BSA-Fahrer, der persönlich ausschied, während seine beiden Stallgefährten weiterfuhren. Am vierten Tag wurden zwei kleine DKW ausgeschieden; bei einer Maschine war ein Kolben beschädigt, bei der anderen brach nach einem Zwischenfall der Rahmen. Am fünften Tag schied eine NSU nach mehreren Reifenschäden aus. Gerade diese Fälle gehörten zum eigentlichen Zweck der Veranstaltung: Die Dauerprüfung sollte nicht nur erfolgreiche Maschinen bestätigen, sondern auch Konstruktions- und Zuverlässigkeitsprobleme sichtbar machen.

Auch kleine Maschinen hielten durch

Auffällig war das Abschneiden der leichten Klassen. Der Bericht hebt eine 200-ccm-Gruppe hervor, in der nur eine einzige Maschine ausfiel. Eine Victoria absolvierte die Fahrt mit nur geringem Strafpunktestand und wurde als Beispiel dafür genannt, dass auch kleine Motorräder die Anforderungen der 144 Stunden bewältigen konnten. Ebenso fanden die DKW- und Zündapp-Mannschaften besondere Beachtung.

Ein 300-ccm-DKW-Team erreichte das Ziel ohne gebrochenes Bauteil; bei einer Maschine war nach Darstellung des Berichts lediglich ein Ölwechsel nötig. Ein anderer DKW-Fahrer sammelte dagegen Strafpunkte, weil er am Ziel deutlich zu früh erschien. Gerade solche Fälle zeigen, dass die Veranstaltung nicht auf maximale Geschwindigkeit ausgerichtet war: Wer die Zeitvorgaben missachtete, konnte trotz technisch einwandfreier Fahrt Punkte verlieren.

Eine Frau im Feld

Unter den Teilnehmern war auch Grete Rocholl aus Recklinghausen. Die ADAC-Motorwelt bezeichnete sie als die einzige Frau, die sich an der Konkurrenz beteiligte. Ihr Start gehörte zu den auffälligen Randnotizen einer Veranstaltung, bei der der sportliche Wettbewerb bewusst hinter der technischen Prüfung zurückstand.

Die 144-Stunden-Fahrt war als groß angelegte Serienprüfung angelegt. Dass 32 von 43 Motorrädern das Ziel erreichten, war deshalb nur ein Teil der Bilanz. Entscheidend war, wie die Maschinen über sechs Tage hinweg mit Zeitvorgaben, Bergprüfung, technischen Kontrollen und den unvermeidlichen Defekten umgingen. Die Auszeichnungen dokumentierten nicht eine klassische Reihenfolge vom Sieger bis zum Letzten, sondern die Qualität einer möglichst strafpunktarmen und technisch belastbaren Fahrt.

Mannschaftsauszeichnungen

Nach sechs Tagen lautete die Bilanz: 43 gestartete Maschinen, elf Ausfälle und 32 Zielankünfte. Die Auszeichnungen wurden nach dem Strafpunktestand vergeben. Für Mannschaften gingen große goldene Medaillen an zwei Zündapp-Teams, ein DKW-Team, ein FN-Team und ein D-Rad-Team. Das Ardie-Team erhielt eine kleine silberne Medaille.

AuszeichnungMannschaften
Große goldene Medaille 2 Zündapp-Teams; 1 DKW-Team; 1 FN-Team; 1 D-Rad-Team
Kleine silberne Medaille 1 Ardie-Team

Einzelauszeichnungen

Bei den Einzelmaschinen war die Liste breiter. Sechs Zündapp, vier DKW, drei D-Rad, drei NSU, drei FN, zwei Triumph und zwei Viktoria erhielten die kleine goldene Medaille. Hinzu kamen je eine Beiwagenmaschine von Standard, Tornax, Horex, Imperia und Peugeot. Zwei Ardie wurden mit der großen silbernen Medaille ausgezeichnet, eine weitere Ardie mit der kleinen silbernen Medaille. Eine NSU erhielt die bronzene Medaille.

AuszeichnungMaschinen
Kleine goldene Medaille 6 Zündapp; 4 DKW; 3 D-Rad; 3 NSU; 3 FN; 2 Triumph; 2 Viktoria; je 1 Beiwagenmaschine von Standard, Tornax, Horex, Imperia und Peugeot
Große silberne Medaille 2 Ardie
Kleine silberne Medaille 1 Ardie
Bronzene Medaille 1 NSU

Zur Übersicht "Chronologie 1930"


Quellen: ADAC-Motorwelt, Nr. 13, 28. März 1930, S. 7
ADAC-Motorwelt, Nr. 16, 18. April 1930, S. 1ff
ADAC-Motorwelt, Nr. 17, 25. April 1930, S. 6f
Allgemeine Automobil-Zeitung, 15. April 1930, S. 29.
Allgemeine Automobil-Zeitung, 1. Mai 1930, S. 17