- Großer Preis von Deutschland für Motorräder
- Veranstalter: Oberste Motorradsportbehörde (OMB)
- Nord- und Südschleife
29. Juni 1930
Walker fährt die Tagesbestzeit, Wiese gewinnt die 1000-ccm-Klasse
- Walker gewinnt die 500-ccm-Klasse mit 106,3 km/h Durchschnitt und fährt die schnellste Gesamtzeit des Tages.
- Gall stürzt bei Müllenbach; Soenius scheidet später mit Bremsdefekt aus, Wiese gewinnt die schwere Klasse auf BMW.
- Geiß fällt mit Reifenschaden aus, der Zweikampf der Crabtree-Brüder endet mit einem Motordefekt des jüngeren Bruders.
Am 29. Juni 1930 wurde auf dem Nürburgring der Große Preis von Deutschland für Motorräder ausgetragen. Nachdem der Große Preis für Sportwagen ausgefallen war, rückte die Motorradveranstaltung in den Mittelpunkt des deutschen Motorsportinteresses. Bei schönem Sommerwetter und starkem Zuschauerandrang begann der Renntag um 11 Uhr. Sportlich gingen drei der vier Klassensiege an englische Fahrer; den deutschen Erfolg holte Wiese auf BMW in der Klasse bis 1000 ccm. Die schnellste Gesamtzeit des Tages fuhr Walker auf Rudge-Whitworth in der 500-ccm-Klasse.
Schon das Training am Samstag hatte zahlreiche Zuschauer angezogen. Am Sonntag setzte in den frühen Morgenstunden ein stetiger Zustrom von Fahrzeugen ein, der bis kurz vor dem Start anhielt; Adenau und die umliegenden Orte waren seit Tagen stark belegt. Um 10 Uhr füllte sich das Fahrerlager, eine halbe Stunde vor Rennbeginn wurden die Maschinen am Startplatz aufgestellt. Die schwere Klasse wurde um 11 Uhr auf die Strecke geschickt, drei Minuten später folgten die 500-ccm-Maschinen, weitere drei Minuten danach die 350er; die 250-ccm-Klasse bildete den Abschluss der Startfolge.
Bis 1000 ccm: Zündorf scheitert am Start, Wiese gewinnt nach Gall-Sturz und Soenius-Defekt
Der erste größere Zwischenfall ereignete sich noch am Start. Zündorf brachte seine BMW nicht in Gang. Mehrfach versuchte er den Starter und das Anschieben, anschließend schob er die Maschine an die Box. Dort wurden die Kerzen gewechselt; danach versagte der Kompressor. Für Zündorf war das Rennen beendet, ohne dass er mit dem Feld weggekommen war.
Auf der Strecke setzte sich zunächst Gall deutlich ab. Soenius verlor bereits früh viel Zeit, als er hinter dem Ersatzteillager anhielt und die Kerzen wechseln musste. Beim ersten Auftauchen der Spitzenfahrer lag Gall klar vorn und fuhr bereits eine neue Rekordzeit. Hinter ihm hielt Gosse auf Tornax lange den zweiten Platz, schied später jedoch wegen zu glatter Reifen aus. Es folgten Wiese auf BMW, Petzold auf Sarolea und Giggenbach auf NSU.
Gall blieb zunächst der Maßstab der schweren Klasse. Sein Rennen kreuzte sich jedoch mit Walkers schneller Fahrt in der 500-ccm-Klasse. Nach der neunten Runde hatte Walker den BMW-Fahrer sowohl nach der Zeit als auch auf der Strecke eingeholt. Bei Müllenbach lag Gall dicht hinter Walker, als er stürzte und mit dem Sanitätsauto ins Krankenhaus gebracht wurde. Gall erlitt einen Bruch des Handgelenks und des Schlüsselbeins; der zunächst vermutete Schädeldurchbruch stellte sich als Bluterguss heraus.
Nach Galls Ausscheiden übernahm Wiese die Führung. Soenius arbeitete sich trotz des frühen Zeitverlusts noch an ihm vorbei, schied aber kurze Zeit später mit Bremsdefekt endgültig aus. Damit lag Wiese wieder vorn und brachte den einzigen deutschen Klassensieg des Tages ins Ziel. Giggenbach, der sehr gleichmäßig gefahren war, wurde Zweiter; Weyres belegte Rang drei. Mehrere weitere Fahrer dieser Klasse schieden nach Stürzen aus.
Ergebnis Klasse D–E – bis 1000 ccm, 15 Runden = 424,5 km
| Position | # | Fahrer, Ort | Wagen | Runden | Gesamt (h) | Schnitt (km/h) |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Wiese, Hannover | BMW | 15 | 4:16.06,1 | 99,5 | |
| 2 | Giggenbach, München | NSU | 15 | 4:22.26,2 | 97,2 | |
| 3 | Weyres, Aachen | Harley Davidson | 15 | 4:41.17,3 | 90,9 |
Bis 500 ccm: Walker übernimmt früh und fährt die schnellste Zeit des Tages
Schon vor dem Start fehlten zwei angekündigte Fahrer: Handley trat mit seiner FN nicht an, weil er mit Steuerung und Bremsen unzufrieden war. Ghersi fehlte ebenfalls, da er sich von Sturzverletzungen noch nicht erholt hatte.
In der 500-ccm-Klasse setzte sich zunächst Smith auf Rudge-Whitworth an die Spitze. Bei der ersten Zeitnahme benötigte er auf den Bruchteil der Sekunde dieselbe Zeit wie Gall in der schweren Klasse. Dahinter lagen mehrere Fahrer dicht zusammen, darunter Hunt auf Norton, Walker auf Rudge-Whitworth sowie Bullus, Rüttchen und Ulmen auf NSU.
Schon beim nächsten Umlauf hatte Walker die Führung der Klasse übernommen. Er wurde von Runde zu Runde schneller und baute seinen Vorsprung stetig aus. Nach der fünften Runde tankte fast das gesamte Feld. Dabei fielen die britischen Stopps besonders kurz aus: Bei fast jedem englischen Fahrer dauerte der Tankvorgang nur etwa halb so lange wie bei den deutschen Konkurrenten.
Nach der neunten Runde hatte Walker Gall aus der 1000-ccm-Klasse auch auf der Strecke eingeholt. Nachdem Gall bei Müllenbach gestürzt war, setzte Walker seine Fahrt gleichmäßig fort und gewann in neuer Rekordzeit. Mit 3:59.23,0 und 106,3 km/h Durchschnitt fuhr er zugleich die schnellste Gesamtzeit des Tages.
Hinter Walker wechselte die Reihenfolge häufig. Der spätere Zweite auf Norton sicherte sich schließlich Rang zwei, Smith wurde Dritter vor den NSU-Fahrern Bullus und Ulmen. Die belgischen Sarolea-Fahrer schieden mit Motordefekten aus. Bauhofer kam durch einen Sturz aus dem Rennen, Hunt nach einem Defekt an der Getriebekette.
Ergebnis Klasse C – bis 500 ccm, 15 Runden = 424,5 km
| Position | # | Fahrer | Krad | Runden | Gesamt (h) | Schnitt (km/h) |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Walker | Rudge-Whitworth | 15 | 3:59.23,0 | 106,3 | |
| 2 | Woods | Norton | 15 | 4:02.47,3 | 105,1 | |
| 3 | Smith | Rudge-Whitworth | 15 | 4:06.15,3 | 103,5 | |
| 4 | Bullus | NSU | 15 | 4:08.34,3 | 102,2 | |
| 5 | Ulmen | NSU | 15 | 4:11.22,1 | 101,5 | |
| 6 | Durman | Sturmey. Archer | 15 | 4:15.29,2 | 99,7 | |
| 7 | Rüttchen | NSU | 15 | 4:23.45,3 | 96,7 | |
| 8 | Tyler | Horex-Sturm. Archer | 15 | 4:33.06,3 | 93,5 | |
| 9 | Faura | Motosacoche | 15 | 4:36.12,4 | 92,4 |
Bis 350 ccm: Guthrie setzt sich früh ab
Das Rennen der 350-ccm-Maschinen verlief an der Spitze deutlich geradliniger. Guthrie auf AJS übernahm bald nach dem Start die Führung und vergrößerte seinen Vorsprung bis zum Rennende auf nicht weniger als 20 Minuten.
Bereits kurz nach dem Start gab es mehrere sturzbedingte Ausfälle; Simpson auf Norton gehörte zu den Betroffenen. Ley (Nürnberg) arbeitete sich auf Triumph auf den zweiten Platz vor und behauptete ihn bis ins Ziel. Kürten erreichte auf Tornax Rang drei, Hiller wurde auf Montgom. Vierter.
Ergebnis Klasse B – bis 350 ccm, 14 Runden = 396,2 km
| Position | # | Fahrer, Ort | Krad | Runden | Gesamt (h) | Schnitt (km/h) |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Guthrie | AJS | 14 | 4:02.53,3 | 98,0 | |
| 2 | Ley, Nürnberg | Triumph | 14 | 4:23.05,2 | 90,6 | |
| 3 | Kürten | Tornax | 14 | 4:26.01,4 | 89,5 | |
| 4 | Hiller | Montgom. | 14 | 4:43.44,3 | 83,8 |
Bis 250 ccm: Reifenschaden stoppt Geiß, Crabtree gewinnt nach dem Bruderduell
In der kleinsten Klasse bestimmte zunächst Geiß (Pforzheim) auf DKW das Geschehen. Seine Fahrt endete jedoch mit einem Reifenschaden.
Danach entwickelte sich ein enger Rad-an-Rad-Kampf zwischen den Brüdern Crabtree. Die Entscheidung fiel erst, als der jüngere der beiden mit Motordefekt ausschied. L. C. Crabtree gewann das 13-Runden-Rennen über 367,9 Kilometer in 3:54.26,2 mit 93,6 km/h Durchschnitt. Longmann kam etwa sechs Minuten später als Zweiter ins Ziel, obwohl er in einen Doppelsturz verwickelt gewesen war; Mellors belegte Rang drei.
Ergebnis Klasse A – nicht über 250 ccm, 13 Runden = 367,9 km
| Position | # | Fahrer, Ort | Krad | Runden | Gesamt (h) | Schnitt (km/h) |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | L. C. Crabtree, Warrington | Crabtree | 13 | 3:54.26,2 | 93,6 | |
| 2 | Longmann, London | O. K. Supreme | 13 | 4:00.03,3 | 92,2 | |
| 3 | Mellors, Birmingham | New Imperial | 13 | 4:00.11,1 | 92,0 | |
| 4 | Kohfink, Bietigheim | Montgom. | 13 | 4:08.22,1 | 89,0 | |
| 5 | Torricelli | Puch | 13 | 4:08.52,4 | 88,8 | |
| 6 | Winkler, Chemnitz | DKW | 13 | 4:19.17,3 | 85,3 | |
| 7 | Höbel | Puch | 13 | 4:27.33,1 | 82,6 | |
| 8 | Vieth, Mainz | DKW | 13 | 4:33.49,1 | 80,7 |
Britische Siege, deutscher Erfolg und ein starkes NSU-Debüt
Drei der vier Klassen gingen an englische Fahrer. Wiese gewann als einziger Deutscher eine Klasse; in der schweren Kategorie war allerdings kein Engländer am Start. BMW erlebte einen widersprüchlichen Renntag: Zündorf scheiterte am Start, Gall stürzte, Soenius fiel mit Bremsdefekt aus, Wiese gewann.
NSU trat mit einem vollständig neuen Modell an, das erstmals im Rennen erprobt wurde, und brachte alle vier Maschinen ins Ziel. Bullus, Ulmen und Rüttchen wurden in der 500-ccm-Klasse gewertet, Giggenbach belegte in der schweren Klasse Rang zwei.
Für die Durchführung war die OMB unter ihrem Präsidenten Kroth verantwortlich. Um 18 Uhr nahmen die Fahrer vor dem Tribünenrestaurant ihre Preise entgegen.
Zur Übersicht "Chronologie 1930"
Quellen: ADAC-Motorwelt, Nr. 25, 20. Juni 1930, 27. Jahrgang, S. 2
ADAC-Motorwelt, Nr. 27, 4. Juli 1930, 27. Jahrgang, S. 5ff.

